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Die römische Mafia

September 29, 2016

 

Virginia Raggi, der neuen Bürgermeisterin von Rom, wird Unfähigkeit im Amt vorgeworfen. Nach knapp drei Monaten ihrer Amtszeit habe sich nichts geändert. Noch immer habe sie kein arbeitsfähiges Team beisammen. Mal muss sie eine ihrer Assessoren entlassen, weil in der Presse Korruptionsvorwürfe, Umweltverstöße lanciert werden, mal wirft ein anderer das Handtuch. Mal wird das Gerücht als Tatsache gestreut, dass ein anderer Assesor aufgibt. Ihre Entscheidung gegen die Olympischen Spiele wird noch immer mit Genuss in den Medien diskreditiert. Dann wird ihr vorgeworfen, der Kopf der Sterne, Beppe Grillo, diktiere ihr ihr Handeln und sei unzufrieden mit ihren bisherigen Leistungen. Das sind nur einige der Vorwürfe, die ihr gemacht werden. 

 

Das kann man in den offiziellen Medien lesen, also auch hier, denn unsere Journalisten scheinen nur diese Medien wahrzunehmen und dort fleißig copy and paste zu betreiben. Nichts liest man dort von den Veränderungen, die schon eingetreten sind, oder von der breiten Zustimmung in der Bevölkerung zu ihrer Absage an die Spiele. Darüber erfährt nur, wer die "anderen" Medien nutzt.  Die verschiedenen Blogs der Anhänger der Bewegung oder der Journalisten, die kritisch über die politische Kaste berichten. Dort erfährt man, wie gut so mancher auf Kosten der Bürger lebte und noch lebt. Was sich bereits verändert hat in der Stadt. Dass die Müllabfuhr ein wenig besser funktioniert, dass die Verkehrsbetriebe neue Busse bekommen, dass Radwege ausgebaut werden.

 

Wie schwer die Aufgabe der neuen Bürgermeisterin ist, kann man ermessen, wenn man um die "starken Kräfte" Roms weiß. Hier ein Artikel vom 9. Dezember 2014 in der Süddeutschen. Diese Zeitung von Qualität steht wahrlich nicht hinter der Bewegung, doch liest man diesen Bericht, kann man eine Vorstellung davon bekommen, wie schwer Raggis Aufgabe ist, die Stadtverwaltung zum Funktionieren zu bringen. 

 

Die Mafia Capitale - die römische Mafia

http://www.sueddeutsche.de/politik/rom-versunken-im-mafia-sumpf-1.2257254

 

Sie haben im Artikel gelesen, dass die römische "Mafia capitale" alle Ebenen der Stadtpolitik durchdrungen habe. Herr Marino, der das sagte, ist nicht mehr Bürgermeister der Stadt. Das ist Fakt, denn das ist ja nun Frau Raggi. Aber nicht Herr Marino unterlag in der Stichwahl sehr eindeutig Virginia Raggi, sondern Herr Giacchetti, den die PD als Gegenkandidaten ausersah.

 

Marino  wollte den Mafiosi das Handwerk legen, das Innenministerium wollte prüfen lassen, ob die Stadtregierung wegen Mafia-Durchseuchung aufgelöste werden sollte. Der Chef der Anti-Korruptions-Behörde, Herr Cantone, sagte 2014, es bereite ihm Sorge, dass die gesamte Politik als korrupt angesehen werde, aber alle, die entsetzlich wütend seien, sollten kühlen Kopf bewahren. Der Autor des Artikels, Stefan Ulrich, erklärt, das falle vielen Italienern schwer, denn dieser Mafia gehörten Faschisten, gemeine Verbrecher, Politiker, Beamte und Unternehmer an. Auch Renzi habe sich dazu geäußert. Er empfinde Ekel. Sein Staatssekretär im Premiersamt versicherte, die Herabstufung durch eine Rating-Agentur, sei eine Antwort auf den römischen Sumpf. Was in Rom geschehe, sei verheerend für den Ruf des ganzen Landes.

 

Polemisiere ich, wenn ich die Aussage des Staatssekretärs so lese: Was in Rom geschieht, schafft uns verdammte Schwierigkeiten, denn wir werden schlechter eingestuft, müssen fürchten, dass wir die Kriterien der EU nicht erfüllen können? Und dann auch unter "Schutz" gestellt werden wie Griechenland? Dann wird uns jemand genau auf die Finger schauen?

 

Italien ist ein korruptes Land heute. Es gibt die Anti-Mafia-Behörde und sie ermittelt. Am 9. Dezember 2014 war das der Stand ihrer Ermittlungen: 37 in Haft genommene Personen; Ermittlungsverfahren gegen 100 Verdächtige; Beschlagnahmung von Vermögenswerten in Höhe von 200 Millionen. Der Chefermittler Giuseppe Pignatone erklärte, "das römische Kartell sei ein neues Gebilde, eigener Art, unabhängig von den drei großen Organisationen Cosa Nostra, Camorra und Ndrangheta." Da gebe es keine Mafia-Rituale wie Ehrenkodex, Bildchen von Heiligen oder Waffen. Die Waffe dieser Organisation sei die Korruption, mit der sie öffentliche Aufträge abgreife. Täglich gebe es weitere neue Verdachtsmomente.

 

Wichtig ist diese Aussage des Journalisten: Die Mafiosi hätten Stadtpolitiker der rechten und linken Parteien bestochen, um städtische Aufträge zu bekommen. Und Verwaltungsangestellte. Dabei habe es sich unter anderem um Lieferungen für die Verkehrsbetriebe, die Müllentsorgung, die Pflege der städtischen Grünanlagen gegangen. Und auch um die Geldmaschine Flüchtlingen, Obdachlosen und Roma: Ihre Unterbringung und Verpflegung. Aber auch um Stimmenkauf bei Wahlen oder um Baugenehmigungen für Freunde sei es gegangen.

 

Lesen Sie diesen Artikel zwei Mal, können Sie leicht erkennen, warum es die neue Bürgermeisterin so schwer hat. Sie tritt gegen ein System mit Menschen an, in der Verwaltung, in den beiden großen Betrieben der Stadt - Müllentsorgung und öffentliche Verkehrsbetriebe -, die tief im Sumpf stecken, d.h. diese Leute verdienten bisher sehr gut, wohingegen die Stadt und ihre Sauberkeit sowie der Öffentliche Verkehr ihnen nicht so sehr am Herzen lagen, es war mehr das Geld. Warum wird wieder und wieder in den öffentlichen Medien die Absage Raggis an die Spiele kritisiert? Wo sollten die Sportstätten gebaut werden sowie das Olympische Dorf? Ein großer Bauunternehmer Roms heißt Caltagirone, dem gehören all die dafür vorgesehenen Grundstücke, die hatte er sich klugerweise - wie er dachte und im bewährten System durchaus berechtigt dachte - erworben. 

 

Herr Caltagirone, übrigens verurteilt wegen mancher Vergehen, ist recht sauer auf die Bürgermeisterin, das ist verständlich. Er ist sauer auf die Bewegung-5-Sterne. Er hat seine Freunde, die die Medien besitzen oder in ihnen werkeln. Die sitzen in der Stadtverwaltung und in den Parteien. Ob er wohl dem Geklüngel der Mafia Capitale angehört?

 

Natürlich helfen sich Freunde, sie sind eine Familie. Diese Familie stemmt sich nun mit aller Macht gegen ihren Machtverlust, sprich finanzielle Verluste, und deshalb kämpfen sie mit ihren Mitteln gegen das Aufbegehren der Bürger. Sie kämpfen dagegen, denn sie müssen natürlich auch fürchten, dass eine neue Herrin Roms, deren oberstes Prinzip Onestà, also Aufrichtigkeit, ist,  sie zur Rechenschaft zieht. Sie hat damit bereits begonnen. Sogar vom Vatikan will sie Geld. 

 

Wie wird diese Geschichte ausgehen? Ich kenne Italien und die italienische Mentalität ein wenig. Ich bin guter Hoffnung, dass sich die Bürger Roms und natürlich auch die Bürger Italiens nicht länger für dumm verkaufen lassen. Basta, heißt das dann und von da an meinen sie das auch so. Denn dummes Stimmvieh sind Italiener sicher nicht, anders als in manchem anderen Land. Sie wollen ein Versprechen haben von denen, die sie wählen. Drum wählen sie oft, was ihnen das Herz, ihre Gefühle sagen, das ist mein Eindruck. Lebt man in einem korrupten System wählt man die, die einen persönlichen Vorteil versprechen, denn für die schlägt das Herz. 

 

Deshalb hatte der Westen bis weit über die Nachkriegsjahre hinaus Angst, das Land könnte kommunistisch werden. Die Anhänger der Kommunistische Partei habe ich einmal selbst erlebt an einem Samstagmorgen 1985. Die marschierten in Rom ein über die Via Tuscolana von 7 Uhr morgens bis halb zwei am frühen Nachmittag. Ich sah nur rote Fahnen mit dem Hammer und der Sichel, die machten mir Angst, ich bin ja geprägt worden in Deutschland.

 

Basta, basta, basta. So denken viele Italiener heute, die in einem entsetzlich korrupten System leben - an dem sie selbst teilnahmen. Diese Italiener, die schon anders sind als wir Deutsche. Sie schimpfen gern, aber viel lieber freuen sie sich und lachen. Zurzeit gibt es wenig, über das sie sich freuen können. Der sichere Arbeitsplatz ist dahin, viele existieren von der Hand in den Mund, denn die Arbeitgeber haben viele Möglichkeiten, Arbeitsverträge zu gestalten. Wer nichts zu essen hat oder nicht mehr mit den Freunden einen schönen Abend genießen kann, weil er kein Geld hat, der fühlt sich nicht gut. Dem fehlt etwas. Dieses System lässt uns ja nicht mehr teilhaben am Wohlergehen, da sind nur die da oben, die Vorteile haben, wir bekommen keine mehr, so denken sie, so fühlen sie. Fühlen, wir werden für dumm verkauft.

 

Da sind Dinge an Italienern, die mir nicht gefallen, da sind Dinge, die mir sehr gut gefallen. Eines davon ist: Sie scheinen sich ihr "Inner Child" zu bewahren. Und das finde ich wunderbar. Denn Kinder sind direkt und ehrlich. Erzogene Kinder verhalten sich diplomatisch. Aber nicht ewig - dann sagen sie basta. Es ist genug. Und dann handeln sie.

 

Und nun handeln sie. Viele wählten die Bewegung-5-Sterne. Es werden immer mehr. Die haben Mut, etwas ganz anderes zu versuchen. Etwas Neues zu versuchen. Und das macht den alten Mächten, sprich dem alten Parteiensystem, richtig Angst.  Macht es auch unseren Politikern hier, die ganz gewiss um die Stimmung in Italien wissen, Angst? Deshalb diese einseitige Berichterstattung? Oder ist es unser deutsches Wesen, das sich doch lieber leiten lässt und nicht gerne Revolutionen startet?

 

Schließlich noch diese Frage an die Süddeutsche Zeitung. Warum drucken Sie nicht weiterhin Artikel ab von deutschen Journalisten, die in Italien leben und deren Artikel sie einst gerne annahmen, weil diese Journalisten wussten, wie die "italienische Seele" ist?

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